Das Nest III

Ich bin im Garten. Es ist Abend. Ich habe alle Pflanzen gegossen und sitze nun vor dem Gartenhäuschen, lese und genieße die Ruhe. Plötzlich wird es lebendig. Einige Vögelchen kommen geflogen und hüpfen durch die Büsche um mich herum. Eines lässt sich auf der Tür des Häuschens nieder. Ob es die Vögelchen aus dem Nest sind? Sie sind genauso klein und sehen ihnen von dem, was ich erkennen kann, sehr ähnlich. Ob sie auf Besuch gekommen sind? Ob sie hier in meinem Garten oder in der näheren Umgebung ihr Revier gefunden haben? Ich freue mich so, sie wiederzusehen … und schon sind sie weitergeflogen.


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Verliebt

Ich bin verliebt. Meine Gefühle spielen verrückt. Dass die Person verheiratet ist und sogar schon Enkel hat, interessiert meine Gefühle nicht. Ich verhalte mich sehr zurückhaltend, weiß ich doch, dass diese Liebe nicht in gleicher Weise erwidert wird und auch keine Zukunft hat. Ich freue mich, wenn ich der Person begegne und gleichzeitig versuche ich meine Gefühle an die Leine zu legen und sie nicht wie wilde Pferde laufen zu lassen. Ich erlaube mir keine Tagträume und hoffe, dass die Schwärmerei auf diese Weise bald endet. Es dauert aber eine ganze Weile, bis das passiert. Und erst dann beginne ich zu erkennen, dass wir in Wirklichkeit in sehr unterschiedlichen Welten leben. Dieser Mensch hat einen ganz anderen Blick auf die Welt, einen, der mir fremd ist. Und mein Blick auf die Welt ist diesem Menschen vermutlich auch völlig fremd. Was sollte unser gemeinsamer Nenner sein? Es ist schon verrückt, dass das Verliebtsein einen so völlig blind werden lässt.

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Gespenster

Obwohl ich müde war, hatte ich große Mühe einzuschlafen und wälzte mich lange hin und her. Der Schlaf wollte und wollte nicht kommen. Irgendwann riss mich dann der Wecker aus dem Tiefschlaf. Mich erwartete ein Tagesseminar und eine halbstündige Fahrt zum Seminarort. Ich habe zwar Routine und ausreichend Erfahrung damit, ein Einführungsseminar zu leiten, dennoch spürte ich den ganzen Tag die Müdigkeit. Ich kann nicht sagen, ob oder was die Teilnehmenden bemerkten. Mir jedenfalls war klar, dass die Müdigkeit meine Präsens und Aufmerksamkeit beeinträchtigte. Der nächste Tag war Gott sei Dank frei. Ich war völlig gerädert und zu keinem klaren Gedanken fähig. Ich machte nur das Minimum im Haushalt und verbrachte den Tag im Bett, dösend, lesend, Videos schauend. Und dann, durch die Erschöpfung hindurch, schlichen sich Gespenster aus der Vergangenheit ein. Graue innere Wolken zogen auf, in mir wurde es düster und alte Ängste packten mich. Ich schaffte es gerade noch zu begreifen, was da in mir geschah und dann verschwand dieses Wissen auch schon und die Gespenster übernahmen … Erst am nächsten Tag, ausgeschlafen und wieder einigermaßen im Lot, lösten sich die Gespenster auf, die innere Wolkendecke lichtete sich und es wurde wieder hell in mir.

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Das Nest II

Das Vögelchen flog weiterhin ein und aus. Ich war so glücklich, dass ich es nicht vertrieben hatte. Nach weiteren Tagen glaubte ich etwas in dem Nest zu erkennen. Da es zu hoch war, als dass ich reinschauen konnte, machte ich ein Foto. Und tatsächlich erkannte ich drei oder sogar vier gelbe Schnäbel darauf. Von Tag zu Tag wurden die Jungvögel größer und füllten das Nest immer mehr aus, bis sie ganz deutlich zu erkennen waren. Wieder ein oder zwei Tage später öffnete ich die Tür des Gartenhäuschens und entdeckte überrascht, dass die Vögelchen meinen Schuppen für Flugübungen nutzten. Aufgeregt und munter sprangen und flogen sie vom Regal zu den Balken und zurück und piepsten laut nach Mutter oder Vater. Von draußen kam ein Piepsen von den Eltern zurück, das sie vielleicht ins Freie lockte? Dann flogen sie tatsächlich nach draußen. Nach einer Weile kamen sie wieder zurück ins Nest. Eigentlich waren sie schon zu groß, um noch alle hineinzupassen. Eines duckte sich neben das Nest. Dann setzten sie zu ihren nächsten Flugübungen an. Es war ein ganz belebter Nachmittag. So viel Leben hatte ich in dem Häuschen noch nie erlebt. Am nächsten Tag freute ich mich schon darauf, sie wieder bei ihren Flugübungen zu beobachten. Zu meiner Enttäuschung fand ich das Nest leer vor. Und es blieb leer. Sie waren flügge geworden. Wie ruhig und langweilig der Schuppen jetzt wirkte.

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Wenn ich das schon höre

„Wenn ich das schon höre! Klimawandel! Dass das Ahrtal diese Überschwemmungen hatte, das ist doch kein Klimawandel. Das ist alles gelenkt, aber das will ja keiner hören.“ Ich staune und schweige. Ich kenne nicht genug Fakten, um das zu widerlegen und wenn ich genug Fakten wüsste, würde sie mir wahrscheinlich auch nicht glauben und mir unterstellen, ich sei naiv und mediengläubig. Was sie von den Wahlen in Ungarn halte, frage ich sie kurz darauf, da ich weiß, dass sie große Sympathien für das Land hegt. „Unter Orban ging es dem Land gut“, antwortet sie. „Es gab finanzielle Unterstützung für Familien mit mehreren Kindern und es gab Sicherheit. Der Neue, Magyar, da werden sich die Leute noch umschauen!“ Der werde das alles abschaffen, fährt sie fort. Und außerdem sei er eine Koksnase, wie Macron und Merz auch.
Ich staune wieder. Vielleicht ist da ja was dran. So genau bin ich nicht informiert. Und man könne nicht mehr mit den Leuten reden, sagt sie schließlich, da würde man gleich als Verschwörer abgestempelt.
Wir kennen uns über 50 Jahre. Seit Corona kommen diese streitigen Themen immer mal wieder auf den Tisch. Mir ist unsere Beziehung so wichtig, dass ich ihr anbiete: „Lass uns über das reden, was uns eint und nicht über das, was uns trennt“.

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Übergriff

Ich war am Abend spazieren und lehnte mich kurz gegen einen Pfosten, um die Abendsonne zu genießen. Von hinten sprach mich ein Mann mit schwarzen Haaren und brauner Haut in gebrochenem Deutsch an. Ich verstand, dass er die Uhrzeit wissen wollte und sagte: „19 Uhr 30.“ Ich wollte mich gerade in die andere Richtung bewegen, von ihm weg, als er mir die Hand entgegenstreckte. Ich nahm sie und wollte ihm einen schönen Abend wünschen. Er hielt meine Hand fest wie ein Schraubstock und meinte: „Komm, gehen zusammen!“ Er wollte mich einen Weg entlang dirigieren, der durch das Blätterwerk der Bäume sehr verdunkelt ist. „Nein“, sagte ich entschieden und irritiert!? Ich sah, wie er die Umgebung abcheckte. Es waren Gott sei Dank noch andere Spaziergänger unterwegs. Er ließ mich los und ich ging in die entgegengesetzte Richtung. Ich habe im Nachhinein einen riesen Schreck bekommen, und die Hand tat mir noch länger weh.
Nach einigem Überlegen ging ich am nächsten Tag zur Polizei und meldete den Vorfall. Es tat gut, wenigstens etwas tun zu können. Und ich merkte, dass die Sache Spuren hinterlassen hatte. Ich überlegte, ob ich dort noch einmal spazieren gehen würde oder lieber nicht. Vorher war ich sehr oft dort gewesen. Ich habe mir zuvor noch nie Gedanken gemacht, ob und wann ich an einem Ort spazieren gehen kann.

In den Tagen danach merke ich, dass ich ängstlicher geworden bin. Ein Feuerwerk an Gedanken. Werde ich die Angst wieder verlieren? Werde ich in Zukunft vorbereiteter sein? Solche Situationen passieren meistens überraschend. Ich bin dem Mann ausgewichen, da hat er mir die Hand hingehalten. Werde ich in Zukunft keinem Mann mehr die Hand geben, wenn ich alleine bin? Und wenn ich das in diesem Fall nicht getan hätte, hätte er mich vielleicht am Arm gepackt? Ich fühle mich verletzlicher: Ich hatte gedacht, als Ü60 mit grauen Haaren nicht mehr zu einer gefährdeten Gruppe zu gehören. Falsch gedacht! Und mir ist jetzt auch klar geworden, dass ich der Kraft eines Mannes nichts entgegenzusetzen hätte. Ich sehe diese Kraft zum Beispiel, wenn Gartenhelfer Arbeiten für mich erledigen, aber ich habe sie noch nie gegen mich gerichtet erfahren. Da wäre ich chancenlos, außer natürlich, derjenige ließe sich durch Schreien vertreiben oder es käme jemand zu Hilfe.

Mir wird schließlich klar, dass mir ein Schock in den Knochen sitzt und ich keinen Gedanken mehr daran habe, dort noch einmal spazieren zu gehen. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich, in meiner Chat-Gruppe nachzufragen, ob es jemanden gibt, der oder die Erfahrung mit ‚Somatic Experiencing‘ hat, der Methode, Trauma aus dem Körper zu lösen, und der bereit wäre, mich zu unterstützen. Vier Personen melden sich. Mit den ersten beiden mache ich einen Termin aus. Mein Nervensystem kann sich während der ersten Begleitung beruhigen und ich schaue etwas entspannter auf die Situation zurück. Ich hatte von vornherein ein ungutes Gefühl bei der Begegnung, allein schon, weil der Mann mich von hinten angesprochen hat und mir sehr nahe gekommen ist. Ich kann mich also absolut auf mein Bauchgefühl verlassen. Aber warum habe ich ihm die Hand gegeben? Das kann ich noch nicht entschlüsseln. Beim zweiten Termin mit der anderen Person mache ich eine für mich erstaunliche Entdeckung. Es bleibt dabei, ich kann meinem Bauchgefühl vertrauen und es hat mir klar angezeigt, dass die Situation nicht sicher ist. Aber dann kam ein antrainiertes Rollenverhalten ins Spiel: Frauen sind nett, Frauen sind höflich! Und dann noch etwas aus meinem beruflichen Kontext: Ich möchte alle Menschen gleich behandeln, egal welcher Nationalität sie angehören. Während der Begleitung erkenne ich, dass es diese Programmierung war, die mein Bauchgefühl außer Kraft gesetzt hat. Und ich komme zu dem Schluss, dass mein Bauchgefühl Vorrang hat, Vorrang vor Etiquette, ethischen Werten und gesellschaftlich antrainiertem Verhalten.

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Kleinlich? Großzügig?

Ich habe bei Kleinanzeigen eine Annonce von einer Frau gefunden, die Tomaten, Paprika und Auberginenpflanzen heranzieht und verkauft. Ich erzähle Nora davon. „Das interessiert mich auch“, sagt sie, „und das ist direkt um die Ecke, wo ich wohne.“ Ich schicke ihr später den Link, damit sie die Annonce wiederfindet. Als ich mit der Frau von der Annonce einen Termin zum Abholen vereinbart habe, frage ich Nora, ob sie mitkommen will. „Gerne“, schreibt sie zurück, „nur leider habe ich da schon was vor.“ Weiter schreibt sie: „Ich habe versucht, die Annonce zu finden, aber ich war schon so lange nicht mehr auf der Seite von Kleinanzeigen und habe mein Passwort vergessen. Könntest du die Frau fragen, ob sie dir ihre Telefonnummer gibt, damit ich auch einen Termin mit ihr vereinbaren kann?“ Als ich meine Pflänzchen abhole, frage ich die Frau nach ihrer Telefonnummer. Die mag sie mir nicht geben. Das schreibe ich Nora später. Von Nora kommt nun die Frage, ob ich die Frau noch einmal über Kleinanzeigen anschreiben und sie nach ihrer E-Mail-Adresse fragen könne. Etwas in mir grummelt. Ich habe Nora den Link geschickt und ich habe die Frau nach ihrer Telefonnummer gefragt. Reicht das nicht? Nein, ich mache das nicht. Nora will den Kontakt, also ist es ihre Aufgabe, über Kleinanzeigen an die Frau heranzukommen. Später kommen weitere Gedanken: ‚Bin ich zu kleinlich? Was macht das schon, wenn ich die Frau kurz anschreibe? Das geht ganz schnell. Das ist doch kein Aufwand.‘ Es geht hin und her in mir. Schließlich schreibe ich die Frau an und bitte sie um ihre E-Mail-Adresse. Das Grummeln in mir bleibt. Wo hört „jemandem einen Gefallen tun“ auf und fängt beim anderen die Bequemlichkeit an?

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An die Besucher meines Blogs

Ich sehe in der Statistik meiner Website, dass ich Leser*innen aus aller Welt habe: aus Brasilien, Vietnam, den USA, Schweden, Dänemark, England, Singapur, den Seychellen, Irland und noch weitere. Ich bin total überrascht.
Wie habt ihr mich gefunden? Seid ihr selbst GFK-Trainer*innen? Sprecht ihr Deutsch als Fremdsprache oder seid ihr Deutsche, die im Ausland leben? Welche Geschichte aus meinem Blog gefällt euch ganz besonders? Was berührt sie in euch? Mögt ihr mir davon erzählen? Benutzt einfach das Kontaktformular.
Herzliche Grüße an meine Leser*innen überall in der Welt

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Gartentherapie

Wenn ich nach einem anstrengenden Tag ausgelaugt aus der Schule komme, fahre ich in den Garten. Die Stille und Unaufgeregtheit der Pflanzen erdet mich wieder.
Wenn ich an einem freien Tag rastlos bin und keine Ruhe finde, fahre ich in den Garten. Die Arbeit dort gibt mir wieder inneren Halt und Stabilität.
Wenn ich an einem Tag trübe und graue Gedanken habe, fahre ich in den Garten. Die Farbenpracht und Vielfalt der Blumen und das Zwitschern der Vögel heben meine Stimmung.
Wenn ich müde bin und keine Energie habe, fahre ich in den Garten. Dort lasse ich mich vom Wind streicheln, lasse mich von der Sonne liebkosen und vom Duft des Flieders umschmeicheln.
Und wenn ich ausgeglichen und gutgelaunt bin und in den Garten fahre, dann erfreue ich mich an der Schönheit und Fülle um mich herum.

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Das Nest I

In meinem Garten habe ich einen kleinen Geräteschuppen. Die Tür hat sich verzogen und schließt nicht mehr ganz, so dass oben ein vielleicht 20 Zentimeter breiter Spalt offen bleibt. Vor zwei Jahren hatten Wespen sich ein Nest im Häuschen gebaut. Wir haben die Zeit in friedlicher Koexistenz verbracht. Ich habe sie nicht gestört und sie haben mich nicht gestochen. Letztes Jahr sind sie nicht wiedergekommen. Sie nutzen ein Nest nur ein Jahr lang, habe ich nachgelesen. Und doch hat sich irgendetwas an dem Nest verändert. Sind sie wiederkommen? Ein paar Tage später schaue ich genauer hin und kann ein Nest im Rohbau erkennen. Ich kann mir noch keinen Reim darauf machen. Als ich, wieder einige Tage später, die Tür aufmache, kommt mir ein ganz kleiner Vogel entgegengeflogen, der sich sicherlich erschreckt hat, genau wie ich selbst. Wird meine Anwesenheit das Vögelchen jetzt vertreiben? Um ihm Ruhe und Sicherheit beim Brüten zu geben, dürfte ich das Gartenhäuschen einige Wochen lang gar nicht betreten. Das Wetter ist schön und ich bin jetzt öfter im Garten. So ziemlich alles, was ich brauche, ist dort im Häuschen. Was mache ich nun?

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