Wie geht das?

Ich wache auf. Es ist früh und noch ganz ruhig draußen. Seit vier Jahren leiden die Menschen in der Ukraine unter Drohnen- und Raketenangriffen aus Russland. Hatten die Menschen in Kiew und anderen Städten eine ruhige Nacht oder mussten sie in Keller und U-Bahn-Schächte flüchten? Ich freue mich auf das Frühstück, Tee und selbstgemachte Marmelade. Millionen von Menschen sind im Sudan auf der Flucht, lassen alles zurück auf der Suche nach Schutz, Sicherheit und Frieden. Hatten sie heute eine Mahlzeit? Ich sitze in der Pause im Lehrerzimmer bei einer Tasse Kaffee und einem Käsebrot. Israel hat den Iran angegriffen. Der Iran reagiert und greift im Gegenzug Israel an. Wie wird sich dieser Krieg entwickeln? Das sind die Kriegsherde, die mir gerade bewusst sind. Wie viele gibt es noch, die es mir nicht sind? Und wie passt das zusammen, dass ich meinen Tag genieße und den Kaffee in meiner Hand, und Menschen irgendwo auf der Welt in Not sind und leiden?

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Auftanken

Ich laufe durch den Wald, am Hang entlang bergauf. Von unten her dröhnt das Motorengeräusch der Autos auf der Autobahn. Ich schlängele mich Kurve um Kurve weiter hinauf. Das Dröhnen der Autos kommt auch in dieser Höhe noch an. Weitere Kurven, weitere Höhenmeter. Ich komme immer höher, das Geräusch der Motoren bleibt. Erst ganz oben auf der Kuppe lasse ich die Geräusche der Zivilisation hinter mir und betrete den Raum der Natur. Hier oben erst bestimmen die Vögel mit ihrem Gesang ganz und gar die Geräuschkulisse. Vogelgezwitscher überall um mich herum, ganz nah und auch weiter entfernt. Verschiedenste Laute, hell und dunkel dringen aus dem Wald. An der Weide neben mir surren Hummeln um die ersten Blüten. Ein leichter Wind wiegt die Grashalme. Um das zu erleben, lege ich diesen Weg zurück. Das Stadtleben verlassen: Hier tanke ich auf! Für diese Momente lege ich den ganzen Weg zurück.

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Erwachen

Monatelang war es dunkel, grau und kalt oder nass gewesen. Monatelang war das Wetter so unwirtlich, dass ich lieber drinnen blieb. Eingehüllt in Jacke und Schal bewegte ich mich ohne Umwege von A nach B, von meiner Wohnung zur Schule, von der Schule zum Supermarkt, vom Supermarkt nach Hause. Ab und an überredete ich mich zu einem Spaziergang, um dann doch wieder irgendwo einen Kaffee zu trinken.
Nun waren seit einer Woche die Temperaturen gestiegen, es war sonnig und warm. Ich stand am Fenster und schaute raus. Das Wetter lockte und ich stand da und schaute. Vier Monate hatte es mich nicht nach draußen gezogen. Wie viele verregnete Nachmittage hatte ich auf dem Sofa verbracht. Ich stand da, als hielte mich etwas zurück. So gewöhnt war ich, mir das Wetter nur von drinnen anzuschauen. Und dann gab ich mir einen Ruck. Ich nahm mein Rad aus dem Fahrradkeller und radelte los.
Was für ein Erlebnis das war, die Natur wieder erwachen zu sehen! Alles surrte und zwitscherte, an den Bäume zeigten sich die ersten Knospen. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Wie berauschend!

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Im Fluss

Seit Tagen ist der Himmel durchgehend bewölkt, grau in grau und kalt ist es auch. Ich will am Nachmittag in den Garten und meinen Eimer mit den Küchenabfällen leeren. Ich werde wohl nur den Eimer leeren, mehr nicht. Das Wetter ist einfach nicht einladend genug, um länger draußen zu bleiben. Im Garten dann greife ich zur Astschere und fange an, mal hier, mal da die Hecke zu kürzen. Aus ‚mal hier‘ und ‚mal da‘ wird die halbe Hecke. Ich bin im Fluss und mache einfach weiter. Das Tun nimmt mich ganz in Beschlag. Ich rücke die Leiter immer ein Stückchen weiter und kürze das nächste Stück. Erst als es allmählich dämmert und die Hecke durchgehend gekürzt ist, stelle ich die Leiter weg. Ach wie schön: Ich war so im Tun, dass ich das graue Wetter völlig vergessen habe.

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Erinnerungen

Ich habe viel erlebt in meinem Leben, wie alle Menschen. Ich habe in Indien gelebt und ich habe in Neuseeland gelebt. Es gibt viele Erinnerungen an meine Jahre im Ausland. Manchmal tauchen Bilder auf, hervorgerufen durch Geräusche, oder Gerüche oder Geschmäcke. Ich tauche dann ein in die Gefühle, die mit der Situation verbunden waren. Meine Erinnerungen habe ich wie in Ordnern nach Jahreszahlen sortiert. Ich kann sie nach Bedarf hervorholen und auch davon erzählen, wenn ich danach gefragt werde. Ohne Nachfrage habe ich wenig Bedürfnis, davon zu erzählen. Es sind abgeschlossene Kapitel. Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich will präsent sein und wahrnehmen, wo ich jetzt gerade bin und was um mich herum passiert. Ich möchte nicht in Erinnerungen, im Vergangenen hängenbleiben. Auch wenn ich schon häufiger in Paris war, ist es mir kein Bedürfnis, von all den Malen zu erzählen, die ich dort war. Zwar überlege ich manchmal, ob diese oder jene Erinnerung für mein Gegenüber interessant sein könnte. Aber oft entscheide ich mich gegen das Erzählen und widme mich ganz dem Hier und Jetzt.

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Liebe Schwester

Du würdest dir vermutlich eine Schwester wünschen, mit der du auch über deine Kindheit in dem Dorf in Hessen reden könntest. Mit der du Erinnerungen austauschen könntest, was ihr damals alles erlebt habt und wie es für euch war. Ich bin erst 14 Jahre nach dir in einer anderen Stadt geboren worden. Sicher würdest du auch gerne von deinen Familiennachforschungen erzählen und berichten, was du alles unternommen hast und was du schon herausgefunden hast und was du alles noch vorhast.
Auch ich würde mir eine Schwester wünschen, die mich so versteht, wie ich bin, eine, der ich von meiner nahenden Rente erzählen könnte und dass mich das sehr beschäftigt. Eine, der ich von meinen Seminaren berichten könnte, wo ich gerade eins gegeben habe und wie es gelaufen ist und was mir davon noch nachgeht.
Du interessiert dich mehr für das Vergangene. Mich interessiert das Hier und Jetzt. Wo und wie könnten wir uns da nur begegnen?

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Botschafterin

Er ist vor vier Monaten mir seiner Mutter und seiner älteren Schwester aus der Ukraine geflohen. Seit zwei Monaten ist er bei uns in der Schule und geht in die 7. Klasse. Drei Mal in der Woche unterrichte ich ihn in DaZ, Deutsch als Zweitsprache. Anfangs war er sehr zurückhaltend. Er konnte noch kein Wort Deutsch, kannte mich nicht und wusste nicht, was von ihm erwartet würde. Ich erkannte schnell, dass er die neu gelernte Grammatik sofort umsetzen konnte und gab ihm positive Rückmeldungen. Er entspannte sich und freute sich sichtlich, wenn er etwas verstanden hatte und richtig gesagt hatte.
Immer wieder bestärke ich ihn. Ich bin wahrscheinlich die erste Deutsche, mit der er über einen längeren Zeitraum Kontakt hat. Ich werde genau so, wie ich mit ihm umgehe, auch sein Bild von diesem für ihn neuen Land prägen. Ich sehe mich als eine Botschafterin für mein Heimatland. Das jetzt auch seines werden soll.

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Evas Kostüm

In Evas Kostüm in der Sauna können wir uns nicht verstecken. Da sind wir, wie Gott uns geschaffen hat: klein oder groß; blond, braun oder grauhaarig, von Natur aus oder gefärbt, mit unterschiedlich großen Brüsten von Körbchengröße A bis D, mit Schwangerschaftsnarben, schlaffer Haut, extra Polstern um die Hüften oder Rettungsringen am Bauch, mit Narben, Falten. Manche haben Tattoos, lackierte Finger- oder Fußnägel, andere tragen Ringe. Nichts lässt sich in Evas Kostüm verstecken, alles ist sichtbar. Dennoch zeigen unsere Körper nichts weiter als unser Alter und unseren Gesundheitszustand, aber sie sagen nichts über unsere Herkunft, unsere Bildung oder den Beruf. Wir sind buchstäblich bis auf die Haut entblößt und somit alle gleich. Die Metamorphose geschieht anschließend in der Umkleidekabine. Hier legen wir wieder unsere Hüllen an. Wir bedecken und verstecken uns und lassen die Kleider für unseren Geschmack, unser Einkommen und unseren sozialen Status sprechen.

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Oase

Entspannt dösen oder lesen die Frauen auf den Liegen. Ab und an geht die Tür auf und Düfte von Kräutern wehen herein, die die Frauen aus den verschieden Saunen mitbringen. Dieser Ort ist ein Ort der Verwandlung, der Erneuerung und des Auftankens. Der Alltag kann für einige Stunden mit den Kleidern in den Umkleidekabinen abgelegt werden. Sorgen können der Hitze nicht standhalten. Sie werden ausgeschwitzt und abgeduscht und spätestens abgeschreckt im kalten Wasserbad. Gelöst und erfrischt und entspannt lassen sich die Frauen nieder und es breitet sich eine Atmosphäre der Gelassenheit und Zufriedenheit aus. Der Alltag ist zeitweise in die Ferne gerückt. Hier bin ich in einer Oase der Ruhe, Wärme und Behaglichkeit.

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Kleider machen Leute

Ich kleide mich zeitlos und praktisch, würde ich sagen: Jeans, im Winter ein schlichter Wollpullover, Schuhe, kein Glitzer, nichts Modisches. Warm soll es im Winter sein, luftige Naturmaterialien im Sommer, und möglichst lange halten soll meine Kleidung. In meinem Kleiderschrank hängen schon lange einige Blazer, die ich mal hier, mal da in irgendeinem Second-Hand-Laden erstanden und nur sehr selten getragen habe. Was lässt mich eigentlich zögern, sie anzuziehen? Also entscheide ich mich dazu, morgen in der Schule mal einen Blazer zu tragen. Am nächsten Tag merke ich dann, oh Wunder, es fühlt sich anders an. Ja, tatsächlich. Ich gehe aufrechter, ich fühle mich größer und auch wichtiger. Ich habe das Gefühl, mehr Raum einzunehmen. Ich bin erstaunt über den Effekt und gleichzeitig genieße ich es.

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